Zwischen Synkretismus und Orthodoxie: Zur religiösen Dynamik Südostasiens

Das Netzwerk zur Religionsethnologie in Südostasien ist mit der Regionalgruppe Südostasien in der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde (DGV) verbunden. Das Netzwerk bietet eine Basis, durch die wir in fokussierten Arbeitstreffen unsere Daten austauschen, vergleichende Ansätze vertiefen und gemeinsame Publikationen vorbereiten können.

Südostasien ist als Schauplatz religiöser Konflikte in den letzten zwanzig Jahren zunehmend in die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit gerückt. Die Bürgerkriege im Osten Indonesiens und im Süden Thailands sind nur zwei Beispiele.
Doch Südostasien bildet auch eine Schnittstelle für vielfältige religiöse Einflüsse, die seit jeher synkretistisch verarbeitet werden. Die exklusiven Autoritätsansprüche schriftlich fixierter Orthodoxien hingegen sind in vielen Gebieten der Region eine Neuerung. Überdies haben benachbarte Gemeinschaften, die sich zu unterschiedlichen Weltreligionen bekennen, oft Wege der Koexistenz entwickelt, die auf älteren Formen sozialer Reproduktion, z.B. Austausch, beruhen.
In der aktuellen Situation sehen sich lokale kulturelle Identitäten oft durch eine eurozentrisch und säkular aufgefasste Globalisierung gefährdet, und hierzu bildet die internationale religiöse Vernetzung ein Gegengewicht. Zugleich führt das zu einer Vereinheitlichung und puristischen Reform der lokalen Religion. Daher ist es wichtig, den Prozess der Integration dieser drei Typen von Elementen untersuchen: modern-westlich, orthodox-reformerisch und lokal-traditionell. Die Interaktion dieser drei Achsen bestimmt die Untersuchung von Konflikten und Koexistenz im Rahmen des Netzwerks.
Die Arbeiten des Netzwerks zielen dabei in zwei Richtungen:
  • ein differenziertes Erfassen der Dynamik von Konflikt und Koexistenz jenseits der polarisierenden Darstellungen, die die Medien kennzeichnen;
  • die Untersuchung der Vergleichbarkeit von Einzelfällen in verschiedenen Staaten, Religionsgemeinschaften und ethnischen Gruppen, mit der Aussicht, regionale Regelhaftigkeiten aufzuzeigen.
Daher umfasst das Netzwerk sowohl Experten für Festland-Südostasien (Horstmann: Thailand, Malaysia; Endres, Lauser: Vietnam; Sprenger: Laos) wie Insular-Südostasien (Gottowik, Hornbacher: Bali; Bräunlein, Lauser: Philippinen). Diese wiederum befassen sich mit unterschiedlichen religiösen Richtungen (Horstmann: Theravada-Buddhismus, Islam; Ramstedt, Hornbacher: Hinduismus; Gottowik: Hinduismus, chinesische Religion; Bräunlein, Lauser: Christentum; Endres, Lauser, Sprenger: lokale Religionen).

Die Arbeit des Netzwerks besteht in insgesamt sechs Arbeitstreffen, die im halbjährigen Turnus an verschiedenen deutschen Instituten stattfinden. Dabei präsentieren die Mitglieder des Netzwerks sowie je zwei auswärtige Experten themenrelevante Forschungsergebnisse. Die Ergebnisse der Arbeitstreffen sollen in verschiedener Form (Sammelbände, Sondernummern, evtl. auch Einzelartikel) veröffentlicht werden.

Das Netzwerk fokussiert auf folgende Themen:

• Globale Orthodoxie und lokale Tradition
Orthodox-reformerischer Bewegungen der Weltreligionen geraten oft in einen Gegensatz zu lokalen Varianten der jeweiligen Religion. Dabei steht die oft gute Integration dieser lokalen Ausprägungen in die spezifische, mitunter multireligiöse Gesellschaft gegen den Willen zur Glaubensreinheit und zur globalen Vernetzung.

• Multireligiöse Rituale.
Rituale, an denen Mitglieder verschiedener religiöser Gemeinschaften teilnehmen, nehmen oft unterschiedliche Bedeutungen in den jeweiligen religiösen Systemen an. Auch werden mitunter Elemente anderer Religionen in die eigene Orthopraxis aufgenommen. Dienen diese Rituale der Harmonisierung verschiedener Gemeinschaften, oder bilden sie eine Plattform zur Reproduktion von Vorurteilen und Rivalitäten? Inwiefern werden Hierarchien artikuliert oder unterschlagen?

• Reflexivität
Reflexivität entsteht nahezu automatisch im interreligiösen Kontakt. Jede aktuelle Ritualperformanz reflektiert die Grenzen und die Gestalt des religiösen Systems, das ihr unterliegt. Daher findet sich auch in der Reflexivität der Rituale die zentrale Achse von Konflikt und Integration, die die religiösen Prozesse der Region gestaltet; das gilt besonders für die Revitalisierung von Traditionen.

• Diaspora
Die Diaspora findet neue Formen der Selbstdefinition gegenüber der Aufnahmegesellschaft, die sie wiederum an ihre Ursprungsgemeinschaften weitergibt. Zugleich fließen Wandlungen und Revitalisierungen in den Ursprungsländern zurück in die Diaspora. Dieser Austausch ist eine der wichtigsten Schnittstellen für fundamentalistisch-reformerische, traditionell-lokale und modern-westliche Einflüsse.

• Politisierung und Kommodifizierung von Religion
Oft dienen Rituale als Vehikel der Repräsentation von wirtschaftlichem und politischem Status. Somit wandeln sich mit der Veränderung der Statusmarkierungen auch die Elemente des Rituals. Ebenso werden bestimmte religiöse Praktiken mit niedrigem Status assoziiert, insbesonders wenn der Gegensatz Weltreligion/Lokalreligion im lokalen und nationalen Diskurs mit Gegensätzen wie Zivilisiert/Rückschrittlich, Reich/Arm usw. in Übereinstimmung gebracht wird. In welchen Zusammenhängen also werden die Religionsformen mit Wirtschaft und Politik verzahnt, und welche Wertung erfahren sie dabei?

• Verkörperung der Religion
In einer Situation, in der Konflikte und Spannungen durch konkurrierende verbale Lehren artikuliert werden, ist es wichtig, sich nonverbalen Formen der Kommunikation und Repräsentation zuzuwenden. Rituale verlangen nach Verkörperung und Visualisierung. Doch zu deren Verständnis muss der Körper als kulturspezifisches Konstrukt aufgefasst werden. Auch der stark visuelle Aspekt vieler Erscheinungsformen der Globalisierung, z.B. das Fernsehen und die Etablierung grenzüberschreitender Ikonografien durch Mission, beeinflusst Ritual und religiöse Lebensführung.

Themenheft in der Zeitschrift für Ethnologie

Die Mitglieder des DFG geförderten Netzwerkes „Zwischen Synkretismus und Orthodoxie: Zur religiösen Dynamik Südostasiens“ haben 2008 ein Themenheft in der Zeitschrift für Ethnologie (Band 133, 2008, Heft 1 ) herausgegeben.

Inhaltsverzeichnis:

Hornbacher, Annette und Volker Gottowik: Die Transformation des Religiösen.
   Südostasiatische Perspektiven 

 19

Gottowik, Volker: Interagama: Multireligiöse Rituale in Zentralindonesien

 31

Hornbacher, Annette: Zwischen Performativität und Orthodoxie: Schrift als Medium
   religiösen Wandels auf Bali

 51

Sprenger, Guido: The Problem of Wholeness. Highland Southeast Asian Cosmologies
   in Transition

 75

Horstmann, Alexander: Lokale Kosmologie und religiöse Differenz: Versuch einer
   Typologie über buddhistisch-islamische Austauschprozesse im Süden Thailands

 95

Lauser, Andrea: Zwischen Heldenverehrung und Geisterkult. Politik und Religion im
   gegenwärtigen spätkommunistischen Vietnam

121

Endres, Kirsten W.: "Die Regeln der Gottheiten": Formalität, Innovation und
   performative Ästhetik in nordvietnamesischen Lên Ðông-Ritualen

 145

 

Koordinator des Netzwerkes

 

Dr. Alexander Horstmann   (Münster)  weitere Informationen
alexander.horstmann@web.de    

Mitglieder des Netzwerkes

Prof. Dr. Peter Bräunlein

(Bremen)

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Dr. Kirsten Endres

(Freiburg)

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PD Dr. Volker Gottowik

(Frankfurt/M)

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PD Dr. Annette Hornbacher

(München)

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Prof. Dr. Andrea Lauser

(Göttingen)

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Dr. Thomas Reuter

(Monash University, Voctoria, Australia)

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Prof. Dr. Guido Sprenger

(Münster)

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